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Offener Brief: Jenseits der Rekorde – Studieren in Schleswig-Holstein

 

An die politischen Akteure des Landes Schleswig-Holstein

Sie werden momentan viel Post von verschiedenen Interessenvertretungen bekommen, laufen doch schließlich die Beratungen über den Landeshaushalt 2015/16. Wir, die Vertretung von über 56.000 Studierenden in Schleswig-Holstein, wollen uns dem nicht anschließen. Wir sehen, dass die derzeitige politische Gemengelage keinen Raum für die Ausfinanzierung der Landeshochschulen bietet. Wir erwarten jedoch gerade jetzt Antworten der Politik! Antworten der Politik auf offene Fragen, die wir Studierende uns täglich beim Blick auf unsere Hochschulen stellen!

Uns stellt sich die Frage, wie es mit den Hochschulen und damit dem Studium in Schleswig-Holstein weitergehen soll.

Unsere Hochschulen brechen derzeit alle Rekorde an Erstsemesterstudierenden und Studierenden insgesamt. Immer mehr junge Menschen kommen an die Hochschulen in Schleswig-Holstein und wir als gewählte Vertreter*innen begrüßen dies ausdrücklich. Wir stehen für die Erweiterung des Zugangs zu den Hochschulen, insbesondere für soziale Gruppen, die dort bisher unterrepräsentiert sind. Wir begrüßen insbesondere jede Entwicklung hin zu einem sozial gerechteren Bildungsystem!

Unser aller Studium ist seit Jahrzehnten von der Unterfinanzierung im Hochschulbereich geprägt. Die aktuelle Situation, nunmehr einige Wochen nach Vorlesungsbeginn, bricht jedoch auch hier alle Rekorde: Wegen Überfüllung abgebrochene Vorlesungen, Sprachkurse über 50, Seminare mit weit mehr als 100 Studierenden in einem Seminarraum. Wir werden von Bussen stehen gelassen und finden keinen Platz in den zu kleinen Mensen und Bibliotheken. Das Gefühl macht sich breit, dass die Politik Studierende in Schleswig-Holstein stehen lässt. Ausfinanzierte Hochschulen finden scheinbar keinen Platz im finanziellen Verteilungskampf.

Symptome des jenseits seiner Belastungsgrenze arbeitenden Systems Hochschule lassen sich viele anführen: Vorlesungsartige Seminare, Fließbandbetreuung in den Sprechstunden der Lehrenden, Burnout-Fälle in der Studierenden- und Prüfungsverwaltung, Mittagessen auf dem Boden sitzend, verschimmelte Gebäude, Wettrennen um Bibliotheksarbeitsplätze und Bücher, kontinuierlich steigende Frustration bei allen Beteiligten, Medikamentenmissbrauch und ein immens steigender Beratungsbedarf.

Alle Hochschulen haben in den letzten Jahrzehnten einen Zuwachs an Studierenden verzeichnet und gleichzeitig immer weitere Aufgaben geschultert, ohne dass hierfür eine adäquate personelle, finanzielle und räumliche Ausstattung bereitgestellt worden ist. Die Hochschulen haben dies zuletzt 2013 in der Kampagne “Zukunftspakt Hochschulen” eindeutig und lautstark zum Ausdruck gebracht und werden es sicherlich auch wieder tun. Entscheidender ist jedoch, dass Ihnen die prekäre Lage der Hochschulen, des Studiums und letztendlich unserer studentischen Lebensrealität bekannt ist. SPD, B’90/Die Grünen und SSW haben zumindest die finanziellen Aspekte im Koalitionsvertrag anerkannt.

Es geht uns um eine belastbare politische Aussage: Wohin soll es mit unseren Hochschulen gehen? Wie können wir die Zukunft der Hochschulen gemeinsam entwickeln und gestalten? Wie soll zukünftig gute Lehre geleistet werden, wenn dafür nicht mehr Personal und ein zumutbarer Betreuungsschlüssel zur Verfügung steht? Wie soll bei dem doppeltem Abiturjahrgang 2016 eine ausreichende Versorgung mit sozialer Infrastruktur (Mensen, Wohnheime, soziale und psychologische Beratung) gewährleistet werden? Wird es Lehrräume in zumindest notwendiger Kapazität geben? Soll die mangelhafte Ausstattung unserer Bibliotheken auf aktuellem Niveau verbleiben oder wird es für mehr Lernende auch mehr Lernmittel und elektronische Ressourcen gegen? Soll das Studium Massenabfertigung sein oder zukünftig wieder Raum für Individualität und eigene Wissenschaft bieten?

Diese Fragen drängen und kommen keine belastbaren Konzepte, so wird sich das Studium weiter in Richtung Massenabfertigung entwickeln und Absolvent*innen ohne Vertrauen in politische Verantwortlichkeit hervorbringen. Der immense Schaden einer vernachlässigten Bildungspolitik zeigt sich meist erst beim zweiten Blick.

Neben diesen Fragen betreffen uns Studierende genauso Fragen des Hochschulwesens insgesamt: Wollen wir in Schleswig-Holstein Spitzenforschung betreiben und ist man bereit, diese dauerhaft zu finanzieren? Wie geht es mit all den befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen weiter, mit denen die Unterfinanzierung des Grundhaushalts kompensiert wird? Wird es absehbar ein Ende prekärer Beschäftigung an Hochschulen geben? Gibt es eine politische Marschroute, um die Hochschulfinanzierung stärker durch den  Bund schultern zu lassen?

Kurzfristig stellt sich die Frage, ob die Landespolitik in der Lage ist, der aktuellen Situation in der Lehre zu Beginn des Bachelorstudiums Herr zu werden und Abhilfe gegen die frustrierende Situation schaffen kann. Jeder Tag in diesem Zustand ist eine Zumutung für uns Studierende und für die Lehrenden!

Uns reicht eine politisch propagierte „Bildungsrepublik” nicht, solange die Realität dazu fundamental im Gegensatz steht. Der gesamte Bildungsbereich von Kindertagesstätten bis zu den Hochschulen leidet unter chronischer Unterfinanzierung und hoher sozialer Selektivität. Wir als entscheidender Teil der Hochschulen spüren ein System, das zu bersten droht. Hochschulen im Allgemeinen, Lehre, Forschung und Wissenstransfer im Speziellen leben von den Studierenden. Dafür wollen wir spüren, dass die Politik die Relevanz guter Studienqualität versteht und alles Erforderliche dafür einsetzt, diese auf hohem Niveau zu gewährleisten. Wir akzeptieren vieles notgedrungen, wollen aber auch Initiativen zur Behebung der Probleme sehen. Mehr Leistung gibt es nicht zum Nulltarif, das gilt auch für Schleswig-Holsteins Hochschulen. Sie alle kennen die derzeitig prekäre Situation und sind gefordert, Antworten auf die drängenden Fragen zu geben und eine Hochschulfinanzierung zu gewährleisten, die sicher, nachhaltig und belastbar ist. Hochschulfinanzierung durch befristete Projekte, Initiativen und Pakte haben uns Hochschulhaushalte auf Streichhölzern statt auf Fundamenten gebaut. Die Zeit nagt an diesen Streichhölzern, selbst wenn die letzten Verlautbarungen der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz die Probleme wohl aufschieben werden. Bildung braucht ein starkes Fundament, um den Wegfall auch nur eines Streichholzes ohne schmerzliche Konsequenzen kompensieren zu können.

Wir studieren gerne in Schleswig-Holstein und kämpfen täglich als Interessenvertretung der Studierenden dafür, dass auch zukünftige Generationen ein Studium genießen können. Allein uns fehlt der Glaube, dass die so attraktiven Studienstandorte zukünftig den immensen Belastungen trotzen können.

Damit kommende Generationen ihrer Verantwortung innerhalb der Gesellschaft gerecht werden können, statt nur Mängel zu verwalten, braucht es mutige Entscheidungen, die umfassende Veränderungsprozesse anstoßen!

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Landes-ASten-Konferenz

i.A. Sophia Schiebe und Lars Schalnat (Landesastensprecher*innen)

 

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Positionspapier der Landes-ASten-Konferenz Schleswig-Holstein

–   40 Mio € mehr! Wir fordern die Landesregierung auf, die allseits bekannte Unterfinanzierung der Hochschullandschaft Schleswig-Holsteins, in Höhe von 40 Mio. € jährlich, durch eine entsprechende Erhöhung der Ausgaben für Hochschulen, zu beenden. Gute Hochschulpolitik zeigt sich durch Taten und nicht durch leere Worte!


–   Studiengebühren ausschließen! Wir fordern die Landesregierung und die Landesrektorenkonferenz auf, auf die Forderung nach Studiengebühren jeglicher Art zu verzichten. Studiengebühren würden die soziale Schieflage des deutschen Bildungssystems und die geringe soziale Durchlässigkeit noch verstärken. Überdies führen sie, gerade als innerdeutsche Insellösung, zu einem massiven Attraktivitätsverlust des Hochschul- und damit auch des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Schleswig-Holstein. Besonders durch den Rückgang der Studierendenzahlen, der in ca. fünf Jahren einsetzen soll, hätten Studiengebühren
katastrophale Folgen für jenes Bundesland, dass schon jetzt mit einer unterdurchschnittlichen Akademisierungsquote zu kämpfen hat.


–   Wissenschaft anstreben! Wir fordern einen liberalen Übergang zwischen Bachelor und Master, d.h. eine Mindestzugangsnote von 4,0, damit der Masterabschluss zumRegelabschluss wird. Für das Lehramtsstudium fordern wir einen grundständigen Master. Deutschlands Wohlstand basiert nicht zuletzt auf exzellenter wissenschaftlicher
Ausbildung, diese gilt es zu erhalten.

–  Familien- und Lebensplanung ermöglichen! Wir fordern die Landesregierung
und die Universitäten auf, die Studierbarkeit der Studiengänge und die Vereinbarkeit von Studium und Familie zu gewährleisten. Dazu zählt die rasche Einführung von Teilzeitstudiengängen ebenso, wie die Anpassung der BAföG-Zahlung an die durchschnittliche Studiendauer.


–   Studentisches Engagement stärken! Wir fordern die Landesregierung auf, die studentische Mitbestimmung, durch zusätzliche studentische Sitze im Senat, auszubauen. Die Politikverdrossenheit unter den Studierenden, ist nicht zuletzt einem massiven Gefühl der Fremdbestimmung und Unwirksamkeit geschuldet.


–   Fachhochschulen aufwerten! Wir fordern das Promotionsrecht für Fachhochschulen und einen leichteren Wechsel zwischen Universitäten und Fachhochschulen.


Weitere Punkte, die es bei einer kommenden Hochschulgesetzes-Novelle zu beachten gilt:
–   Abschaffung des Universitätsrat
–   Abschaffung der privatwirtschaftlichen Akkreditierung
–   Gleichstellung forcieren